Weitwinkelobjektiv: Großer Bildwinkel - neue Perspektiven

Von Sabine Hutter - Do, 19.12.2019 - 10:10
Alles im Blick mit einem Weitwinkelobjektiv.
© Unsplash. Alles im Blick mit einem Weitwinkelobjektiv.

Sie brauchen mehr Platz auf dem Foto, um alle spannenden Details einer Landschaft oder eines Gebäudes zu fotografieren? Dann verwenden Sie ein Weitwinkelobjektiv, das eine kleinere Brennweite, dafür aber einen deutlich größeren Bildwinkel als ein Normalobjektiv oder ein Teleobjektiv abdeckt. Hier erfahren Sie, wie das Weitwinkelobjektiv funktioniert, wofür Sie es nutzen und wie Sie mit seinen Besonderheiten in der Fotografie umgehen.

 

Nach oben

Was ist ein Weitwinkelobjektiv?

Typisches Einsatzgebiet des Weitwinkelobjektivs: Architekturfotogrfie © Unsplash. Wenn Sie alles aufs Bild bekommen möchten: Nutzen Sie ein Weitwinkelobjektiv.

Was ein Weitwinkelobjektiv ist, lässt sich am besten anhand des menschlichen Sehens erklären. Wenn Sie ein Normalobjektiv verwenden, fotografiert Ihre Kamera in etwa denselben Bildwinkel, wie ihn das menschliche Auge wahrnimmt, wenn es sich nicht bewegt (ca. 40 bis 50°). Beim Weitwinkelobjektiv mit einer Brennweite von weniger als 40 mm hingegen ist die Linse der Kameras stärker nach außen gewölbt. Das führt dazu, dass sich der wahrnehmbare Bildwinkel deutlich verstärkt. Er kann je nach Ausprägung der Brennweite bis zu 180° (und bei speziellen Objektiven sogar bis 250°) reichen.

Nach oben

Typische Abbildungseigenschaften von Weitwinkelobjektiven

Weitwinkelobjektive weisen einige Besonderheiten in Hinblick auf ihre Abbildungseigenschaften auf:

Schärfentiefe

Diese Objektive gehen stets mit einer hohen Schärfentiefe einher. Dieser Effekt tritt umso stärker zu Tage, je geringer die Brennweite ist.

Verzerrung

Typisch sind Verzerrungen an den Bildrändern, die mit sinkender Brennweite immer stärker auffallen. Man spricht von "stürzenden Linien". Besonders deutlich wird dies beispielsweise Aufnahmen von hohen Gebäuden. Sie neigen sich dann je nach Aufnahme nach rechts oder links. Im Original gerade Linien verzerren sich gebogen nach außen. Lediglich im Bildmittelpunkt schafft die Kamera verzerrungsfreie Aufnahmen. Erfahren Sie unserem Guide für Architekturfotografie, wie Sie stürzende Linien vermeiden oder korrigieren!

Verzerrungen und stürzende Linien lassen sich bei einem Weitwinkelobjektiv manchmal nicht vermeiden. © Unsplash.Gerade bei Architekturfotografie mit einem Weitwinkelobjektiv treten perspektivische Verzerrungen auf.

Vignette

In den Ecken der Aufnahmen fallen bei weit geöffneter Blende dunkle Schatten auf, man spricht von Vignettierungen. Bei weiter geschlossener Blende fällt dies jedoch nicht mehr weiter ins Gewicht. Die Vignette kann aber auch als Stilmittel genutzt werden, da sie den Blick aufs Motiv lenkt.

Lichtstärke & Blende

Lichtstarke Weitwinkelobjektive ermöglichen es Ihnen auch dann noch ohne Stativ zu fotografieren, wenn die Lichtverhältnisse weniger gut sind. Sehr lichtstarke Objektive in diesem Brennweitenbereich weisen typischerweise eine Offenblende von f/2,8, f/2,0 oder sogar f/1,4 auf. Sie erreichen in der Architektur- oder Landschaftsfotografie aber auch mit einer Blende von f/4 oder f/5,6 sehr gute Ergebnisse – achten Sie dann auf einen guten Bildstabilisator am Objektiv.

Das Objektiv im Weitwinkelbereich holt die Aufnahmeebene näher an die Kameras heran. Die Naheinstellgrenze ist deutlich kürzer als bei Teleobjektiven oder Normalobjektiven. 

Nach oben

Arten von Weitwinkelobjektiven: Gemäßigt oder Superweitwinkel?

Beim Fotografieren mit Weitwinkel können Sie verschiedene Arten von Objektiven verwenden:

Gemäßigter Weitwinkel (Reportageobjektiv)

Von einem gemäßigten Weitwinkelobjektiv spricht man bei einer Brennweite von 28 bis 38 mm. Mit einem diagonalen Bildwinkel von 60 bis 75° liegen sie noch relativ nahe an den Eigenschaften des Normalobjektivs, es gibt nur wenig Verzerrungen und eine hohe Schärfentiefe.

Ein gemäßigtes Weitwinkelobjektiv. © Unsplash. Ein gemäßigter Weitwinkel mit 28 mm.

Superweitwinkelobjektiv

Beim Superweitwinkelobjektiv (SWW) liegt ein diagonaler Bildwinkel von mindestens 90° vor, was sich ab einer Brennweite von 21 mm und geringer erreichen lässt. Mit sinkender Brennweite nehmen perspektivische Verzerrungen zu. Superweitwinkelobjektive werden gerne in der künstlerischen Fotografie eingesetzt, denn durch die Verzerrungen entstehen spannende Effekte.

Fisheyeobjektiv (Fischaugenobjektiv)

Das spezielle Fisheyeobjektiv mit extremem Weitwinkel erreicht einen Bildwinkel von 180° und mehr. Die Brennweite liegt bei ca. 8 bis 20 mm. Auf dem Bild hat man das Gefühl, durch eine stark gewölbte Glaskugel zu sehen. Es ist nämlich mittig kreisrund und von schwarzen Rändern umgeben. Gerade Linien sind stark gebogen.

Typisch Fisheye: Ein Weitwinkelobjektiv mit Charme. © Unsplash. Typisch Fisheye: Dieses Weitwinkelobjektiv eröffnet ganz neue Perspektiven.

Nach oben

Einsatzbereiche von Weitwinkelobjektiven: Landschaften, Architektur und Personen

Ein Objektiv im Weitwinkelbereich bietet sich für verschiedene Situationen an:

Landschaftsfotografie

Unabdingbar ist der Weitwinkel beim Fotografieren von Landschaften, denn so können Sie die Schönheit und die Weite der Umgebung voll aufnehmen.

Architekturfotografie

Möchten Sie hohe Gebäude komplett erfassen, statt nur Details zu fotografieren, brauchen Sie ebenfalls ein solches Objektiv.

Interieurfotografie

Beim Fotografieren geschlossener Räume bietet sich das Weitwinkelobjektiv an, da Sie so den notwendigen Abstand verringern können und dennoch den Raum in seiner ganzen Breite aufs Bild bekommen.

Sogar für Interieurshoots eignet sich das Weitwinkelobjektiv. © Unsplash. Sogar für Interieurshoots eignet sich das Weitwinkelobjektiv.

Personenfotografie

Für Fotos von Personengruppen bieten sich nur gemäßigte Weitwinkel an, da ansonsten die Verzerrungen zu stark ausgeprägt wären und die Proportionen nicht mehr stimmen würden. Im Regelfall bezieht man dann den Hintergrund mit ein, statt das Motiv formatfüllend abzulichten.

Nach oben

Welche Brennweite beim Weitwinkelobjektiv?

Ist man die Arbeit mit einem Teleobjektiv gewöhnt, könnte man angesichts der kleinen Zahlen denken, die Unterschiede zwischen den Brennweiten im Weitwinkel könnten nicht so groß sein. Tatsächlich ist es aber so, dass schon wenige Millimeter Brennweite einen großen Unterschied beim Bildwinkel bedeuten, wie der direkte Vergleich zeigt:

Brennweite (bezogen auf Vollformat)    
 
Bildwinkel
12 mm    122°
14 mm     114°
17 mm     104°
18 mm   100°
20 mm     94°
35 mm   63°

 

Welche Brennweite Sie beim Kauf eines Objektivs nutzen sollten, hängt auch von Ihrer Kamera ab – genauer von ihrem Sensor. Durch den sogenannten Crop-Faktor wird der Bildausschnitt bei kleineren Sensoren beschnitten. Achten Sie deshalb auf diese Brennweitenbereiche:

Vollformat-Sensor

Bei einer Kamera mit einem Sensor im Kleinbildformat, auch Vollformat-Kamera genannt, beginnt der Weitwinkel bei einer Brennweite von 35 mm (und kleiner).

APS-C-Sensor

Da der Ausschnitt des Bilds um etwa ein Drittel kleiner ist als bei einer vollformatigen Kamera, beginnt der Weitwinkel beim APS-C-Sensor erst ab Brennweiten von 24 mm (und kleiner).

MFT-Sensor

Bei diesem Sensor ist der Bildausschnitt sogar um die Hälfte kleiner als beim Vollformat. Dementsprechend müssen Sie hier auf eine Brennweite von höchstens 24 mm zurückgreifen.

Tipp: Möchten Sie mit einem Superweitwinkel fotografieren, brauchen Sie beim Kleinbildformat eine Brennweite von 24 mm, beim APS-C-Sensor von 16 mm und beim MFT-Sensor von 12 mm.

Nach oben

Festbrennweite oder Zoomobjektive? Eine Frage der Qualität

Ist Ihnen Flexibilität besonders wichtig, verwenden Sie ein Zoomobjektiv mit Weitwinkel, denn so können Sie in wechselnden Situationen schnell reagieren. Sogenannte Reisezooms, die von 28 bis 200 mm zoomen können sind die ideale Ergänzung für Ihre Kamera auf Reisen.
Steht für Sie hingegen die Qualität der Aufnahmen im Vordergrund, sind Festbrennweiten dem Zoom vorzuziehen. Sie bieten nämlich im Vergleich zum Zoomobjektiv nahezu immer bessere Abbildungseigenschaften.

Gelungene Landschaftsaufnahmen mit Weitwinkelobjektiven. © Unsplash. Gelungene Landschaftsaufnahmen mit einem Weitwinkelobjektiv.

Nach oben

Richtiger Umgang mit dem Weitwinkelobjektiv: Tipps für Einsteiger

Möchten Sie nun in die Fotografie mit dem Weitwinkel einsteigen, sollten Sie sich ausführlich mit der Wirkung der verschiedenen Blenden beschäftigen, um die Arbeit mit Abbildungsfehlern zu erlernen. Außerdem müssen Sie an der Bildkomposition arbeiten: Da Sie durch den großen Bildwinkel sehr viele Details aufs Bild bekommen, müssen Sie sicherstellen, dass sich keine störenden Elemente beim Motiv befinden.
Das Fotografieren mit dem Weitwinkelobjektiv erfordert etwas Übung mit der Kamera, ermöglicht Ihnen aber auch spannende neue Perspektiven und atemberaubende Aufnahmen von Landschaften – probieren Sie es aus!

Nach oben