Bildaufbau

Von WhiteWall Redaktion - Mi, 31.10.2018 - 00:40

Bildaufbau, Teil 1

Der Evinger Hammerkopfturm passt genau in das Fenster des Nebengebäudes. Die Position der Kamera musste sehr exakt gewählt werden, damit dieses Bild möglich wurde (analoges Großbilddia von 1993, 90 mm Weitwinkel; an einer Digitalkamera würde dem ein 24-mm-Shiftobjektiv entsprechen).

Evinger Hammerkopfturm

So einfach haben Sie es nicht immer, wenn Sie die Aufmerksamkeit auf das Hauptmotiv lenken wollen. Trotzdem benötigte ich etwas Zeit, um störende Elemente im Bild zu vermeiden und trotzdem den Pfeil direkt auf das Gebäude zeigen zu lassen.
Info: 17 mm | f15 | 1/60 s | ISO 125

Uni Ruhr

Natürlich können Sie die Bildelemente nicht völlig frei auf der Fläche des Bildes anordnen. Sie sind gebunden durch die Abbildungsgesetze und bestimmte, schwer veränderliche Eigenschaften des Motivs. Aber Sie sind wahrscheinlich freier, als Sie denken, denn Sie haben über den Standpunkt, den Bildausschnitt, die Brennweite, das Licht und das Format sehr mächtige Einflussmöglichkeiten auf die Bildgestaltung. Und bei vielen Motiven können Sie sogar die Anordnung im Raum noch beeinflussen, weil sie beweglich sind.
Allzu oft wird man sich vor Ort gar nicht der unzähligen Alternativen bewusst und fotografiert eher so, wie der erste Eindruck war. Das können Sie auch ruhig tun, doch nach diesem ersten Bild sollten Sie überlegen, wie Sie das Motiv noch besser einfangen können und welche Möglichkeiten der Ort dafür zur Verfügung stellt.

Blickführung

Das Auge tastet jedes Bild ab und wird dabei von bestimmten Elementen mehr angezogen als von anderen. Helle Flecken und starke Kontraste, Gesichter und Buchstaben ziehen den Blick an, Linien ziehen ihn in eine Richtung und die natürliche (kulturell bedingte) Leserichtung spielt auch eine Rolle. Wenn der Bildaufbau das Auge dabei unterstützt, die wesentlichen Details zu erfassen, wirkt das Bild insgesamt besser. Er kann leider auch Nebensächlichkeiten hervorheben oder die Augen unruhig springen lassen, weil eine Ordnung schwierig zu erkennen ist. Beobachten Sie sich selbst, welchen Weg die Augen nehmen, wenn Sie ein gutes Bild erfassen. Versuchen Sie festzustellen, was der Fotograf unternommen hat, damit sich das Bild so gut erschließt.

Der Bildaufbau kann sogar dazu führen, dass sich bestimmte Objekte zu bewegen scheinen, weil durch die Komposition des Bildes eine Dynamik entsteht oder ein Ausgleichsbestreben angedeutet wird. Es gibt eine Art »visuelle Schwerkraft«, die eine Anziehung auf Bildobjekte ausübt, so dass der Betrachter eine Bewegung herbeisehnt. Das ist ein wenig vergleichbar mit einem Schlagzeuger, der den Beat etwas "verschleppt", so dass der Zuhörer dann schon fast selbst auf die Trommel schlagen möchte. Wenn Sie Objekte etwas weiter außen anordnen, als sie harmonisch im Format sitzen würden, wenn Sie Objekte an schrägen Linien anordnen oder perspektivische Verzeichnung nutzen, um Bildteile schräg ins Bild ragen zu lassen, immer dann erzeugen Sie Bewegung im Bild. Homogene Flächen geben dem Blick kaum Halt. Der Betrachter nimmt dann jede Linie auf, die wegführt, oder das Auge sucht nach dem nächsten starken Kontrast. Lassen Sie Ihren Bildaufbau nicht von technischen Details bestimmen. Die Position des AF-Messpunktes im Sucher sollte nicht darüber bestimmen dürfen, an welcher Position im Bild sich Ihr Motiv wiederfindet. Üben Sie die Messwertspeicherung, und emanzipieren Sie sich von den Vorgaben Ihrer Kamera.

Links: Dieses Bild wurde gespiegelt. Hier wandert der Blick zur vorderen Kante der Lok, von wo er nach rechts zum Fluchtpunkt gezogen wird. Die Lok scheint wegzufahren.

Lok_1

Im Originalbild (rechts) ziehen die weißen Linien den Blick zur Front der Lok, wo er fast zur Ruhe kommt. Die Lok scheint anzukommen oder zumindest zu stehen.
Info: 120 mm | f5,6 | 1/100 s | ISO 200

Lok_2

In der linken Bildhälfte findet der Blick kaum Halt außer an der Tauen, die ihn weiter in den Bildhintergrund führen. Die gelbe Linie rechts unterstützt dies. Trotzdem kehrt das Auge manchmal zum Tau links oben zurück, weil der starke Kontrast es anzieht.
Info: 12 mm | f16 | 1/100 s | ISO 200

Hafen

Diagonale

Eine Linie, die schräg die Ecken des Formats verbindet, nennt man Diagonale. Durch die Leserichtung von links nach rechts wird eine Diagonale, die von links oben nach rechts unten führt, als absteigend bezeichnet, von links unten nach rechts oben als aufsteigend. Eine absteigende Diagonale ist ruhiger und weniger spannungsvoll, Sie leitet den Blick manchmal zu schnell wieder aus dem Bild. Trotzdem bringt sie viel mehr Bewegung ins Bild, als es waage- oder senkrechte Linien vermögen. Eine aufsteigende Diagonale hält den Blick länger im Bild und wirkt anregender. In diesem Bildbeispiel wurde die Aufnahme für das zweite Bild gekontert. Das ist ein Kunstgriff, den Sie selten bis nie anwenden sollten, weil man es bei vielen Motiven bemerkt und es bei anderen die Wirklichkeit zu sehr verändert. Einzig ein Selbstporträt wird Ihnen so vielleicht natürlicher vorkommen, weil Sie es gewohnt sind, sich selbst im Spiegel zu sehen.

Die absteigende Diagonale ergibt einen eher ruhigen Bildaufbau, der Blick wird allerdings sehr schnell aus dem Bild geführt, und der Betrachter verbringt wenig Zeit mit den Details.
Info: 140 mm | f8,0 | 1/800 s | ISO 160

Porto_1

Hier wurde das Bild gespiegelt, um den Unterschied zur aufsteigenden Diagonale zu verdeutlichen. Der Blick wird hier eher im Bild gehalten, um sich mit den Häuserfassaden der Hafenpromenade von Porto zu beschäftigen. Das Bild wirkt insgesamt etwas lebendiger.

Porto_2

Horizont

Wenn Sie die Kamera gerade halten, liegt der Horizont in der Mitte des Bildes. Häufig sieht man den Horizont nicht, weil er durch Objekte im Vordergrund verdeckt ist, allerdings wird auch dann der Fluchtpunkt auf der Horizontlinie liegen. Bei geometrischen Motiven wird man also immer erahnen, wo der Horizont liegt. Ein Horizont in der Mitte ist spannungslos, führt nicht zu stürzenden Linien und ergibt oft die langweiligste mögliche Bildvariante. Den Horizont aus der Bildmitte zu rücken, ist also meistens ein Vorteil, dabei beeinflusst die resultierende Lage des Horizonts die Bildstimmung stark. Wenn Sie den Horizont weit unten ins Bild legen, wird die Ferne und Weite der Landschaft betont, das Bild wirkt leicht und offen und im wahrsten Sinne des Wortes luftig, weil der Himmel einen großen Teil des Bildes einnimmt. Wenn Sie den Horizont im Bild nach oben setzen, betonen Sie die Schwere und die Nähe. Das Objektiv ist nach unten geneigt und erfasst mehr vom Boden. Sie erzeugen durch eine solche Bildaufteilung eine Landschaft, durch die das Auge hindurchwandern kann, bis es an die Himmelskante stößt. Die Stimmung eines solchen Bildes kann manchmal etwas bedrückend sein und zwar umso mehr, je höher der Horizont liegt. Natürlich kann der Horizont auch unterhalb oder oberhalb der Bildgrenzen liegen, was zur Vereinfachung des Bildaufbaus beiträgt. Wenn der Horizont oberhalb liegt, bekommt das Bild etwas Geschlossenes, wenn er unterhalb liegt, steht das Motiv gegen den Himmel oder es ist der Himmel selbst.

Die Hafenmole von Le Tréport: Der Blick kann nicht zum Horizont abwandern, sondern bleibt im Bild. Der Bildaufbau wird grafischer und klarer.
Info: 300 mm | f6,3 | 1/500 s | ISO 400

Die Hafenmole von Le Tréport

Der tief liegende Horizont lässt das Bild sehr leicht und luftig wirken. Man kann den Wind fast spüren.
Info: 17 mm | f11 | 1/250 s | ISO 125

Horizont

Moskau. Der mittlere AF-Messpunkt half dabei, den Fluchtpunkt exakt in die Mitte zu legen. Die symmetrische Bildauffassung betont die Symmetrie der Architektur.
Info: 17 mm | f9,0 | 1/125 s | ISO 400

Kaufhaus Gum in Moskau

Symmetrie

In der Natur kommt Symmetrie erstaunlich häufig vor. Sie selbst sind, zumindest weitgehend, spiegelsymmetrisch. Das gilt für einen großen Teil der Lebewesen und einen kleineren Teil der Pflanzen oder der Pflanzenteile. Symmetrie wird auf einer sehr tiefen Stufe der Wahrnehmung erkannt und auf eine sehr unmittelbare Weise als schön empfunden. Wenn Sie symmetrische Objekte fotografieren, dann sollten Sie die Symmetrie entweder exakt abbilden oder deutlich von ihr abweichen. Wenn Sie einen Innenraum aufnehmen, dann stellen Sie sich also entweder exakt in die Mitte und richten Ihre Kamera auf die Zentralachse aus, oder Sie verlassen die zentrale Achse deutlich und weichen bewusst von einer symmetrischen Darstellung ab. Ich rate Ihnen, bei einem symmetrischen Motiv immer auch eine exakt symmetrische Bildvariante mit anzufertigen.

Durch die lange Brennweite gibt es keine perspektivische Verzeichnung, und die Tanks mit den Stegen wirken sehr grafisch.
Info: 400 mm | f9,0 | 1/320 s | ISO 200

Muster


Muster

Wenn unser Gehirn Regelmäßigkeiten erkennen kann, also wiederkehrende Elemente, die gleichmäßig angeordnet sind, dann empfinden wir das oft als schön. Bilder mit vielen Details werden durch eine Anordnung als Muster ruhiger und bekommen einen eigenen Reiz. Wenn das Muster zum eigentlichen Bildinhalt wird, kann das Bild allerdings zur formalästhetischen Spielerei werden, das zwar nett anzuschauen ist, aber ansonsten eher langweilig. Muster finden Sie in Technik, Architektur und der Natur, sie entstehen oft als Folge einer Eigenschaft des Objekts oder aus der Optimierung eines Bauplans, zum Beispiel bei Bienenwaben. Eine bessere Raumnutzung und höhere Materialeffizienz als bei dieser sechseckigen Anordnung ist mathematisch nicht möglich. Hier entsteht die Form aus der Funktion, und das beste Ergebnis ist gleichzeitig schön.
Interessant ist es, die Muster mit einer Unregelmäßigkeit zu unterbrechen, besonders wenn diese das eigentliche Motiv darstellt. Um die Regelmäßigkeit in einem Motiv zu betonen, müssen Sie auf die Perspektive und die Bildränder achten. Das Muster wirkt dann am klarsten, wenn es nicht verzerrt ist und an den Kanten nicht unschön unterbrochen wird. Muster können Ihnen helfen, Ordnung in die Bildfläche zu bekommen und Motive leichter erfassbar zu machen, sie üben einen eigenen ästhetischen Reiz aus.

Das regelmäßige Raster des Gerüsts wurde recht unregelmäßig mit Planken ausgelegt. Die Konstruktion an diesem Wohnhaus an der Moskwa wirkt so eher fragil und unsicher.
Info: 40 mm, f9, 1/400 s, ISO 100

Gerüst

Die Arbeiterhäuschen in Cornwall verdichten sich zu einem leicht unregelmäßigen Muster. Das Bild wurde mit 400 mm Brennweite von einem nahen Berg aus aufgenommen.
Info: 400 mm | f6,3 | 1/500 s | ISO 200

Cornwell

Bildaufbau, Teil 2

Lampe
Lampe Dreieck

Die Lampe bildet mit dem Mann links und der Frau rechts ein ruhiges Dreieck, das gegen die Bewegung der einfahrenden U-Bahn steht.
Info: 17 mm | f5,6 | 1/30 s | ISO 1 600

Dreieck

Wenn Sie drei Personen fotografieren möchten, ist es die langweiligste Variante, diese direkt nebeneinander anzuordnen. Wenn die Köpfe ein Dreieck bilden, ist die Komposition interessanter und das Bild meist schöner. Wenn das Dreieck mit der Spitze nach oben weist, wirkt der Aufbau am stabilsten und das Bild am ruhigsten. Mit der Spitze nach unten ist der Eindruck labiler. Wenn das Dreieck schräg steht, kommt mehr Dynamik ins Bild. Je nach gewünschtem Bildeindruck können unterschiedliche Anordnungen am besten wirken. Den Einfluss des Dreiecks auf die Bildwirkung sollten Sie sich bei der Aufnahme bewusst machen, sonst entdecken Sie später im Bild ein irritierendes Moment, das allein aus der Bildkomposition herrührt. Das Dreieck als Kompositionsprinzip wird nicht nur bei Gruppenaufnahmen bewusst wahrgenommen, es kann auch bei jedem anderen Motiv auftauchen und die Bildwirkung beeinflussen.

Portrait Mutter
Portrait Familie

Links: Das Dreieck der Köpfe steht schräg und bringt Dynamik ins Bild. Durch die mittige Position der Mutter und ihre Handhaltung vermittelt das Bild trotzdem eine gewisse Sicherheit (Ungarn, Ende 19. Jahrhundert).

Rechts: Die Eltern nehmen die gleiche Pose ein, und ihre Köpfe liegen auf gleicher Höhe. Der Kopf des Kindes bildet mit denen der Eltern ein auf der Spitze stehendes Dreieck. Das Kind wirkt zwischen den Eltern auch durch die Bildkomposition etwas verloren (Ungarn, 1931).

Punkte

Wenn die Bildelemente so klein werden, das sie als Fläche keine Rolle mehr spielen, ist nur noch ihr Ort, ihre Helligkeit und ihre Farbe wichtig. Sie werden dann gestalterisch als Punkte wahrgenommen. Ein Punkt kann durch seine Position eher ruhig sein oder Spannung aufbauen, er kann in einer Beziehung zu einer Fläche stehen oder mit mehreren Punkten einen fast musikalischen Zusammenhang bilden. Generell ist ein Punkt ein eher dynamisches Element. Der Betrachter verbindet die Orte der Punkte miteinander und so können Eckpunkte auch Formen oder Linienbögen erzeugen.

Skizze Dreieck
Blumen
Blumen Skizze

Die gelben Blüten vor dem Bach ziehen das Auge stark an, trotzdem wirkt das Bild relativ ruhig, weil die Punkte fast ein Gleichgewicht bilden.
Info: 100 mm | f2,8 | 1/1000 s | ISO 400 | Makroobjektiv

Goldener Schnitt

Der Goldene Schnitt ist eine seit der Antike bekannte Gestaltungsregel. Eine Strecke wird so unterteilt, dass das Verhältnis vom kleineren Teil zum größeren Teil dem des größeren Teils zur Gesamtstrecke entspricht. Die Teilung liegt dann bei ungefähr 0,618 bei einer Strecke von 1. In Wirklichkeit hat die Zahl unendlich viele Nachkommastellen, aber so genau werden Sie ohnehin nicht gestalten können. Anders ausgedrückt ist das Verhältnis 1:1,618, die gleichen Nachkommastellen sind kein Zufall, sondern eine Folge der mathematischen Besonderheit dieses Verhältnisses. Der Goldene Schnitt ist ein in der Natur häufig vorkommendes Verhältnis, Sie werden ihn aber auch in der Architektur und in der Kunst wiederfinden, in der Typografie und im Produktdesign.

Der goldene Schnitt

Der goldene Schnitt teilt eine Strecke so, dass a : b = (a + b) : a. Das heißt, dass die größere Teilstrecke zur kleineren im selben Verhältnis steht wie die Gesamtstrecke zur größeren.

See
See Skizze

Das Boot befindet sich im goldenen Schnitt. Aber auch die Bildhöhe zur Breite steht im Verhältnis des Goldenen Schnitts.
Info: 22 mm | f7,1 | 1/60 s | ISO 640

Drittelregel

Die Drittelregel hilft ebenfalls, einen harmonischen Bildaufbau zu erzielen. Sie ist in den letzten Jahren sehr populär geworden, weil sie sehr einfach zu erklären ist und inzwischen sogar in Photoshop und in machen Kameradisplays einblendbar ist. Man teilt die Bildfläche waagerecht und senkrecht in je drei gleich große Bereiche und versucht, die wesentlichen Motivelemente an den Grenzlinien dieser Bereiche auszurichten oder auf die Schnittpunkte zu legen.
Ich persönlich würde die Drittelregel eher als ein einfaches Hilfsmittel betrachten, das Ihnen dabei hilft, das Motiv aus der Mitte zu rücken. Auf Dauer sollten Sie sich auf ihr eigenes Harmonieempfinden verlassen und das Motiv dort positionieren, wo es Ihnen perfekt stimmig erscheint. Und vergessen Sie auch nicht, dass es nicht immer darum geht, Harmonie zu erzeugen, manchmal wollen Sie auch Spannung im Bild erzielen, und da ist eine perfekte Ausgeglichenheit nicht förderlich. Bei vielen Kameras können Sie sich dieses Dreierraster im Display anzeigen lassen, beim Freistellungswerkzeug ab Photoshop CS5 lässt es sich auch einblenden. Auch wenn Sie sich nicht genau an die Dreierregel halten möchten, kann das Raster bei der Positionierung nützlich sein. An die ewige Wahrheit des Goldenen Schnitts, den die Römer die »göttliche Proportion« nannten, kommt die Drittelregel nicht im Mindesten heran.

Drittregel
Drittregel Skizze

Die Drittelregel mit überlagertem Raster. Das unbeschnittene Original des Bildes (oben) ist spannungsvoller und eleganter, weil es sich nicht genau an die Drittelregel hält.
Info: 24 mm | f10 | 1/800 s | ISO 160

Dynamischer oder statischer Aufbau

Allein durch die Komposition können Sie ein Bild ruhig oder bewegt wirken lassen. Wenn Sie zum Beispiel vor einem Haus stehen, können Sie sich parallel vor die Fassade stellen und, falls Sie etwas nach oben fotografieren, die stürzenden Linien komplett ausgleichen. Das Ergebnis wird ein ruhiges Bild werden, wenn nicht die Architektur an sich schon sehr dynamisch ist. Oder Sie stellen sich an die Ecke des Hauses, nehmen die Fassade in die Flucht, gleichen die stürzenden Linien nicht aus und stellen, wenn Sie es auf die Spitze treiben wollen, die Kamera noch schräg. Die Senkrechten sind dann verschwunden, das Bild wird von Schrägen dominiert und das Haus scheint zu kippen.
Ob Sie nun bei einem Haus unbedingt einen bewegten Eindruck erzeugen wollen, sei dahingestellt, im Einzelfall aber ergibt das durchaus Sinn. Bei wirklich bewegten Motiven sollten Sie diese Gestaltungsmittel parat haben, denn ein Bild von einem Autorennen oder einem schnell laufenden Tier, das statisch wirkt, wird dem Thema oft nicht gerecht. Wobei auch manchmal der Kontrast zwischen Inhalt und Gestaltung den Reiz eines Bildes ausmachen. Auch wenn Sie das Bild sehr dynamisch aufbauen, sollten Sie auf ein Gleichgewicht in der Komposition achten. Ansonsten kann das Foto so unruhig wirken, dass es den Betrachter nervös macht wie ein schief hängendes Bild an der Wand.

Petri Kirche
Petri Kirche Skizze

Trotz des sehr dynamischen Aufbaus ist die Komposition sehr klar. Die Bildecken scheinen die Schrägen etwas aufzufangen, das Bild ist nicht nur einfach schräg gestellt, sondern recht genau konstruiert worden (Petri-Kirche, Lübeck).
Info: 24 mm | f11 | 1/40 s | ISO 100 | Tilt-Shift-Objektiv

Aufbau

2) Die Komposition dieses Bildes besteht aus kontrastreichen Schrägen. Trotz der kühlen Farbe wirkt es sehr dynamisch.
Info: 12 mm | f8,0 | 15 s | ISO 1 600
3) In diesem Bild gibt es ausschließlich waagerechte und senkrechte Linien. Trotz des Hochformats und obwohl die Senkrechte betont wird, ergibt sich ein statischer und ruhiger Gesamteindruck (Vodafone-Hochhaus, Düsseldorf).
Info: 40 mm | f11 | 1/180 s | ISO 100 | APS-C-Sensor | Perspektivkorrektur in Photoshop

Einfachheit

Wenn Sie ein gutes Bild schaffen möchten, sollte Ihr Ziel sein, alles Unnötige wegzulassen, und nicht, alles Mögliche hinzuzugeben. Warum sollten Sie ein Element hinzufügen, das an sich keinen Sinn hat? Und warum sollten Sie ein Stilmittel verwenden, das für die Bildaussage keinen Gewinn bringt?
Es ist nicht nur so, dass aufgeräumtere Bilder schneller verstanden werden, sie werden auch als schöner empfunden. Das betrifft nicht nur die Fotografie, sondern auch die Architektur und das Design. Das »Weniger ist mehr« von Mies van der Rohe, einem Bauhaus-Architekten, hat auch heute noch fast überall Gültigkeit. Es kann Spaß machen, aus dieser Klarheit ab und zu auszubrechen und Bilder zu schaffen, die geradezu überladen sind, aber auf Dauer kommt man mit reduzierterer Gestaltung weiter. Sie haben oft genug Schwierigkeiten, ein Motiv frei von störenden oder zumindest ablenkenden Elementen zu fotografieren. Wenn Sie ein schlichtes und klares Bild aufnehmen können, dann tun Sie das auch. Manche Fotografen haben Gewohnheiten entwickelt, die dem entgegenstehen. Zum Beispiel wollen sie immer Elemente im Vordergrund haben, die das eigentliche Motiv einrahmen, oder sie beachten zu wenig, was im Hintergrund des Motivs vor sich geht und haben so oft ungewollte Details im Bild. Freuen Sie sich nicht nur über Ihre guten Bilder, schauen Sie sich auch die schlechten an, und fragen Sie sich, warum diese nicht wie erwartet ausgefallen sind.

Winterliche Abenddämmerung. Die Schärfe wurde auf die entfernten Äste gelegt. Ein Versuch, die Atmosphäre wie bei einem japanischen Haiku skizzenhaft einzufangen.
Info: 50 mm | f1,4 | 1/100 s | ISO 800 | APS-C-Sensor

Abenddämmerung

Als ich ein Unternehmensporträt einer Modefirma aufnahm, fiel mir die Schneiderpuppe auf, die ein so klares, schwarzweißes Bild ergab.
Info: 50 mm | f2,0 | 1/60 s | ISO 250

Schneiderpuppe

Beschnitt

Nicht immer gelingt es, bereits bei der Aufnahme alle störenden Details außen vor zu lassen. Manchmal findet sich kein Ausschnitt, der wirklich stimmt und der in das das vom Sensor vorgegebene Seitenverhältnis passt. Wenn Sie das Bild am eigenen Rechner betrachten, haben Sie mehr Ruhe als in der Aufnahmesituation und können oft durch den Beschnitt des Bildes ein sehr viel besseres Foto erzielen. Sei es, dass Sie etwas Störendes wegschneiden oder dass die Bildelemente im Endformat so sehr viel harmonischer angeordnet werden können.
Zu meinen analogen Zeiten gehörte ich zwar auch zu den Fotografen, die immer das vollständige Negativ vergrößerten, aber damals hatte ich auch Kameras mit vier unterschiedlichen Seitenformaten zur Auswahl. Heute versuche ich eher, mir Mühe zu geben, die technische Qualität der Aufnahmen so hoch zu halten, dass die Sensorauflösung auch genutzt wird, so dass ich später mehr Spielraum für alternative Ausschnitte habe. Trotzdem ist es natürlich mein Ziel, schon das Ursprungsbild so gut wie möglich ins Format zu setzen.

Nach dem Beschnitt hat das Motiv mehr Raum im Bild, das Format ist schöner und außer den Passanten lenkt kaum noch etwas ab.

Basiliuskathedrale

Dieses Bild der Basiliuskathedrale wurde praktisch im Vorbeigehen geschossen. Das Motiv ist zu mittig und vieles auf dem Bild ist unwichtig. Das rechte Drittel trägt nichts zum Bild bei, der Zaun stört, und der gesamte Bereich links hinter dem Denkmal ist ebenfalls verzichtbar.
Info: 22 mm | f5,6 | 1/1250 s | ISO 100

Basiliuskathedrale 2