Luftbildaufnahmen unserer Kulturlandschaft: Tom Hegen im Interview

Von Yella Roth - Do, 17.10.2019 - 17:33
Beeindruckende Luftaufnahmen von Tom Hegen

Der Landschaftsfotograf Tom Hegen beeindruckt mit seinen grafisch anmutenden Luftbildaufnahmen. Hegen fotografiert die sogenannte Kulturlandschaft, also die vom Menschen genutzten und gestalteten Lebensräume. Dies betrifft mittlerweile weit über 90% aller Flächen allein in Deutschland. Mit uns hat Tom Hegen über den besonderen Reiz der Luftbild- und Drohnenfotografie und unserer Verantwortung als Menschen für unser Ökosystem geredet. Sein Fotobildband "HABITAT – Vom Mensch geprägte Lebensräume" ist im Kerber Verlag erschienen. Tom Hegens Ausstellung zu HABITAT können Sie ab dem 24.10.2019 im WhiteWall-Store Düsseldorf besichtigen.

 

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Die richtige Kameraausrüstung und Kameraeinstellungen für Luftbildaufnahmen

Welches Equipment verwendest Du und warum?

Ich arbeite in der Luft aus Helikoptern und Flugzeugen mit einer Mittelformat-Kamera von Fujifilm, meistens mit längeren Brennweiten von 70 - 200 mm. Meine Fotografien zeigen durch den entfernten Betrachtungsabstand weitläufige Landschaften, gleichzeitig aber auch kleine Details am Boden. Die hohe Auflösung des Mittelformat-Sensors ist perfekt für detailreiche Aufnahmen. Beim Einsatz mit Drohnen habe ich einen Eigenbau.

Welche Kamera-Einstellungen empfiehlst Du und warum?

Das beste Ausgangsmaterial bekommt man, wenn man seine Fotografien in der Kamera im unkomplizierten Datenformat (Raw) aufnimmt. Zudem empfehle ich den manuellen Modus, um die volle Kontrolle über die Kameraeinstellungen zu haben. Die ISO-Einstellungen sollten immer so niedrig wie möglich gehalten werden, um eine rauscharme Aufnahme zu garantieren. 

Tom Hegen macht Luftaufnahmen auch aus Helikoptern heraus.© Tom Hegen. Der Fotograf macht Luftaufnahmen auch aus Helikoptern heraus.

Wie gelingen verwacklungsfreie Aufnahmen aus einem Flugzeug heraus?

Das Fotografieren aus einem Flugzeug stelle einen vor besondere Herausforderungen. Es gibt aber auch einen großen Unterschied beim Fotografieren aus einem Flugzeug oder Hubschrauber. Hubschrauber können über einen bestimmten Punkt schweben. Flugzeuge nicht. Aus einem Flugzeug bei offener Tür zu fotografieren ist wie ein Tier in 500 Meter Entfernung aus einem fahrenden Autos mit 200 km/h und mit einem 200-mm-Zoomobjektiv zu fotografieren. Flugzeuge und Helikopter vibrieren zudem auch sehr stark und bewegen sich schnell in der Luft. Ich achte deshalb auf sehr kurze Belichtungszeiten unter 1/1000 Sekunde, um Bewegungsunschärfen zu vermeiden. Außerdem ist der eigene Körper der beste Stabilisator, deshalb sollten man seinen Körper nicht am Flugzeug anlehnen, um Vibrationsübertragungen zu vermeiden.

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Faszination Luftbild: Tom Hegens Leidenschaft und Motive

Wie bist Du überhaupt zur Luftfotografie gekommen?

Ich habe 2010 meinen Zivildienst in Neuseeland geleistet. Hier kam ich auch zum ersten mal mit der Fotografie in Kontakt. Ich habe mit klassischer Landschaftsfotografie begonnen. Berge, Seen, Sonnenuntergänge. Neuseeland ist toll, da es so unberührt ist. In Europa findet man nicht so viele Flecken, die total natürlich aussehen. Ich begann den Begriff "Landschaft" zu hinterfragen. Das Wort Land-schaft bedeutet in seinem Ursprung und im Sinne von Landschaftsgestaltung, Land zu schaffen, daher, die Umgebung zu verändern. Vor diesem Hintergrund habe ich auch meine Landschaftsfotografie in Frage gestellt. Heute konzentriere ich mich daher meist auf Landschaften, die von menschlichen Eingriffen beeinflusst wurden.

Welche Motive eignen sich besonders oder sind beliebt in der Luftfotografie?

Ich habe Grafikdesign studiert und versuche Gestaltungsprinzipien, wie die Reduktion auf das Wesentliche, das Gestalten mit Flächen und Rastern oder Gegenstände zu abstrahieren auf meine Fotografie zu übertragen. Daher such ich Motive, die eine grafische Komponente beinhalten.

Luftbildaufnahme einer Fischfarm.© Tom Hegen. In der Luftbildaufnahme wird diese Fischzucht zur ästhetischen Abstraktion.

Was macht für Dich persönlich den Reiz an der Luftbildfotografie aus?

Mich hat stets die beim Abheben automatisch mitgelieferte Abstraktion gereizt. Und - von oben sieht man einfach mehr. Ich fotografiere dabei immer senkrecht auf den Boden, ohne Horizont, um die Landschaft weitgehend zu verfremden, ohne sie aber zu manipulieren. Es ist künstlerisch aufwendiger und schwieriger, von der bloßen Luftaufnahme zum Flugbild zu kommen. 

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Praktische Tipps für angehende Luftbildfotografen und Rechtslage

Welche Schritte sollte man gehen, um sich in die Richtung Drohnenfotografie und Luftaufnahmen zu entwickeln?

Zunächst würde ich empfehlen, ein Einsteiger-Modell für ein paar hundert Euro zu kaufen und dann testen, ob diese Art der Fotografie das richtige für einen ist. Schließlich ist Luftbildfotografie auch nur ein Perspektivenwechsel und die Technik ist Mittel zum Zweck. Man sollte sich Fragen, ob es Sinn macht, den Blickwinkel auf das gewünschte Motiv zu verändern. Wenn das der Fall ist, können mit Drohnen spektakuläre Aufnahmen entstehen. 

Sind Flüge zum Fotografieren erschwinglich und für jedermann buchbar?

Luftbildfotografie ist extrem aufwendig und teuer. Ein Helikopter kann in der Stunde schon 2000 - 3000 Euro kosten. Flugzeuge sind da schon etwas günstiger, allerdings ist es damit auch schwieriger, gute Aufnahmen zu bekommen. Letztendlich kommt es immer auf das eigene Budget (oder das des Kunden), die Intention und den Verwendungszweck an. Und ja, generell kann jeder einen Flug buchen.

Serpentinen im Schnee. Eine Luftbildaufnahme von Tom Hegen.© Tom Hegen.

Benötigt man zusätzlich Genehmigungen?

Grundsätzlich benötigt man für den Betrieb von Drohnen unter 5 kg keine spezielle Erlaubnis. Ab einem Gewicht von 5 kg ist dagegen eine Erlaubnis erforderlich. Das Einholen von Genehmigungen hängt auch stark von den Orten ab, die man fotografiert. Ich empfehle aber das immer im Vorfeld zu prüfen.

Welche rechtlichen Aspekte gibt es zu beachten beim Fotografieren aus der Luft, beziehungsweise welche Berührungspunkte hattest Du damit?

Hier kann man grundsätzlich zwischen bemannter und unbemannter Luftbildfotografie unterscheiden. Unbemannte Luftbildfotografien sind beispielsweise Bilder, die mit einer Kameradrohne fotografiert wurden. Bei Drohnenfotografie gibt es einige Regeln zu beachten. Die Regeln können auf der Website des Bundesministeriums für Verkehr nachgelesen werden. Bei benannter Luftbildfotografie, also solche, die aus einem Helikopter oder Flugzeug entstanden ist, gibt es seit 1990 keine Genehmigungspflicht mehr, sofern man die geschützte Privatsphäre einer Person nicht verletzt. 

Luftbildaufnahme von Tom Hegen.
© Tom Hegen.

Was sind Deine 5 besten Tipps für gelungene Luftaufnahmen- auch mit Drohnen? Was gibt es zum Beispiel in der Bildkomposition oder im Spiel mit Höhenunterschieden zu beachten?

1. Einen Plan haben, was man fotografieren möchte. 
2. Den Flugort auf Sicherheit überprüfen
3. Wind, Wetter und die Umgebung vor jedem Abflug checken.
4. Zur richtigen Tageszeit fotografieren. (Früh morgens oder spät Abends, wenn die Sonne tief steht).
5. Auf führende Linien in der Landschaft achten.

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Zwei Arten von Luftbildaufnahmen: Mit dem Flugzeug oder der Drohne

Welche Unterschiede oder Präferenzen ergeben sich bei Aufnahmen aus dem Flugzeug, beziehungsweise mit der Drohne?

ie größten Unterschiede zwischen Drohnen und Helikoptern sind die Flughöhe und Reisegeschwindigkeit. Drohnen dürfen in Deutschland nicht höher als 100 Meter über Grund fliegen. Helikopter und Flugzeuge können da weitaus höher steigen, wodurch man einen noch größeren Betrachtungsabstand zum Motiv bekommt. Außerdem können Flugzeuge im Vergleich zu Drohnen sehr weite Strecken zurücklegen. Ich war beispielsweise im letzten Jahr in der Arktis und habe ein Projekt über das Abschmelzen des Grönländischen Eisschildes aufgenommen. Der Pilot ist vom Startplatz über 150 Kilometer auf das Eisschild hinaus geflogen. Mit einer Drohne hätte ich in einer so weiten Landschaft nicht viel erreicht.

Vom Menschen geprägte Landschaft im Schnee. Eine Luftbildaufnahme von Tom Hegen.© Tom Hegen. 

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Luftbilder schaffen ein Bewusstsein für unsere Umwelt

Hast Du manche Orte, die Du in Deinem Fotobildband HABITAT fotografiert hast, mehrmals überflogen und Veränderungen in der Landschaft feststellen können?

Dafür wären wohl die Zeitabstände zu kurz gewesen. Den Bildband HABITAT habe ich innerhalb von 9 Monaten aufgenommen. Vielleicht werde ich die selben Orte in einer paar Jahren noch mal besuchen.

In der Luftbildaufnahme wirkt die Kulturlandschaft sehr idyllisch.
© Tom Hegen. Für seine Luftbilder orientiert sich Hegen an Linien und Mustern in der Landschaft.

Hat sich etwas an Deinem Verständnis für die Beziehung Mensch und Natur verändert durch dieses Fotoprojekt?

Unsere Welt funktioniert leider auf Grundlage von Wachstum und Konsum. Zudem werden wir jedes Jahr mehr Menschen auf unserer Erde. Eine der entscheidenden Fragen im 21. Jahrhundert wird sein, wie immer mehr Menschen mit den immer stärker begrenzten Ressourcen unserer Erde zurecht kommen können. Um einen nachhaltigeren Weg einzuschlagen müssen wir anfangen, Verantwortung für unsere Umwelt zu übernehmen. Das Wissen, die technischen Mittel und die Kraft dazu haben wir. Wir sollten nur bald damit anfangen!

Wünschst Du Dir durch Deine Kunst ein Bewusstsein für Umweltzerstörung auch politisch schaffen zu können?

Ich möchte mit meinen Arbeiten vorwiegend den Status Quo aufzeigen und eine Grundlage zur Reflexion und Diskussion legen. Es liegt im Auge des Betrachters, wie er die Fotografien interpretiert. 

Welchem Staatsoberhaupt oder in welchem Rahmen würdest Du Deine Arbeiten gerne einmal präsentieren?

Ich würde gerne eine Ausstellung machen, die Menschen in Industrieländern zeigt, wie sich unser Konsumverhalten global auswirkt. 

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