Interview mit Alex Kittoe

Die leise Stärke seiner Bilder

Wie bist du zur Fotografie gekommen?

Ich habe 2017 zum ersten Mal eine Kamera in die Hand genommen – eine Sony A6000 aus einem Einsteiger-Set, das ich mir vor einem Auslandssemester in Alicante, Spanien, gekauft habe. Damals hatte ich überhaupt nicht vor, Fotografie ernsthaft zu betreiben. Ich wollte einfach etwas Besseres als mein Handy, um die Reise festzuhalten. Ich habe bei einer Gastfamilie gewohnt, und die Kamera wurde schnell zu einem guten Vorwand, um rauszugehen und die Gegend zu erkunden. Ich bin viel durch die Stadt gelaufen oder gejoggt und habe alles fotografiert, was mir ins Auge gefallen ist.

Mich hat sofort fasziniert, dass man mit Fotografie Momente festhalten kann – dass man einen Augenblick gewissermaßen einfriert und für immer bewahrt. Zurück an der University of Denver habe ich mit einem Foto von den Cliffs of Moher in Irland einen kleinen Uni-Wettbewerb gewonnen. Das Bild wurde gedruckt und in einer kleinen Galerie ausgestellt. Als ich meinen Print dort gesehen habe, hat das etwas in mir ausgelöst. Ab da wollte ich unbedingt weitermachen.

Dieser Moment hat mich tiefer in die Fotografie hineingezogen. Ich habe alles fotografiert, was sich mir geboten hat: Ich habe meine Kamera in Konzerte geschmuggelt, Freunde porträtiert, für Restaurants gearbeitet – und einfach zu allem Ja gesagt, was mir Übung gebracht hat.

2019 hat sich dann viel verändert, als ich meine erste Analogkamera gekauft habe. Film hat mich gezwungen, langsamer zu arbeiten, Belichtung wirklich zu verstehen und bewusster zu fotografieren. Ab da wurde es fast schon obsessiv. Ich habe unendlich viele Tutorials geschaut, mit Bildbearbeitung experimentiert und ständig fotografiert, bis sich langsam alles zusammengefügt hat.

Vor drei Jahren habe ich meinen Vollzeitjob in der Werbebranche gekündigt – seitdem arbeite ich als selbstständiger Fotograf.

Woher nimmst du deine Inspiration – und was inspiriert dich am meisten? Sind es Filme, Bücher, Magazine oder dein Umfeld?

Ich lasse mich von vielen Dingen inspirieren, aber Reisen ist mit Abstand der größte Antrieb für mich. Ich fühle mich am lebendigsten, wenn ich mit der Kamera in einer neuen, unbekannten Umgebung unterwegs bin. Schon lange bevor ich fotografiert habe, hatte ich diesen starken Drang, so viel wie möglich von der Welt zu sehen. Ich bin in Kansas City aufgewachsen, habe mir Bilder von fernen Orten angeschaut, Geschichten gehört – und wollte das alles irgendwann selbst erleben.

Diese Reiselust ist bis heute der Kern meiner Arbeit. Ich versuche nicht, der „beste Fotograf der Welt“ zu sein. Mir geht es vielmehr darum, ein interessantes Leben zu führen – und es aus meiner eigenen, ehrlichen Perspektive festzuhalten.

Mein Portfolio ist deshalb nicht einfach eine Sammlung schöner Bilder. Es ist die Geschichte meines Lebens, meiner Erfahrungen und der Dinge, die mich ganz intuitiv anziehen.

Deine Arbeiten sind für ihre emotionale Tiefe und ihren cineastischen Look bekannt. Wie schaffst du es, diese besondere Atmosphäre in deinen Bildern zu erzeugen?

Das kommt vor allem aus jahrelangem Experimentieren mit Farbwirkung und Belichtung. Ich belichte meine Bilder oft etwas über – egal ob digital oder auf Film. Dadurch entsteht schon beim Fotografieren eine helle, fast pastellige Basis.

In der Nachbearbeitung frage ich mich dann immer: Wie hat sich dieser Moment angefühlt? War er warm und träumerisch oder eher kühl und melancholisch? Dieses Gefühl gibt die Richtung vor.

Ich nehme den Bildern oft zunächst etwas Sättigung und bringe sie dann gezielt wieder zurück, indem ich einzelne Farben anpasse, bis alles stimmig wirkt. Presets nutze ich kaum – fast jedes Bild bearbeite ich von Grund auf neu. So kann ich jedes Motiv individuell entwickeln und mich gleichzeitig ständig weiterentwickeln.

Ich möchte, dass meine Bilder eine gewisse Traumhaftigkeit haben, aber trotzdem real wirken. Wenn diese Balance stimmt, weiß ich, dass ich ein gutes Bild geschaffen habe.

Holzrahmen in Walnussfarbe mit Passepartout um ein Landschaftsfoto mit Berg und Wiese an einer Wand über einem Sideboard, darunter Nahaufnahme vom Rahmen.

Foto: Alex Kittoe | Das Motiv öffnet sich in eine stille, lichtdurchflutete Weite. Der Rahmen Hamburg mit breitem Passepartout gibt ihm Raum zu wirken, während Nussbaumholz die natürlichen Töne sanft aufgreift.

Mehr Informationen zu Fotos im Holz-Rahmen

Viele deiner Bilder zeigen ruhige, nachdenkliche Momente. Wie entscheidest du, welche Alltagsszenen du festhältst?

Das Schönste an der Fotografie ist für mich, dass ich im Moment komplett präsent bin. Es geht mir weniger darum, bewusst zu entscheiden, was „fotowürdig“ ist – ich reagiere eher intuitiv.

Wenn ich fotografiere, wird alles langsamer. Ich nehme Details viel bewusster wahr und lasse mich ganz auf den Moment ein. Oft drücke ich einfach intuitiv ab, ohne groß darüber nachzudenken. Manchmal erinnere ich mich später beim Durchsehen der Bilder gar nicht mehr daran, den Auslöser gedrückt zu haben.

Am besten lässt sich das so beschreiben: Ich schalte beim Fotografieren in eine Art Autopilot. Dadurch vermeide ich es, alles zu zerdenken – und meine Bilder bleiben ehrlich und unmittelbar.

Gab es auf deinen Reisen einen Moment, in dem plötzlich alles zusammenkam und sich deine ganze Arbeit ausgezahlt hat? Kannst du ihn beschreiben?

Letzten Sommer war ich in Kenia und Tansania – das war die beste Reise meines Lebens. Die meisten Tage waren bewölkt und eher grau, aber das hat mich gar nicht gestört. Allein diese Landschaften und Tiere zu erleben, war unglaublich.

An meinem letzten Tag in der Masai Mara bin ich um 3:30 Uhr morgens aufgestanden, um zu einem Sonnenaufgang eine Löwenfamilie zu finden. Der Himmel war zunächst komplett bedeckt, und ich dachte schon, das wird nichts.

Doch genau zum Sonnenaufgang rissen die Wolken auf, und das Licht war plötzlich unglaublich. In diesem Moment tauchte ein Löwenjunges im hohen Gras direkt neben uns auf. Wir konnten uns der Gruppe nähern, und ich habe einige meiner absoluten Wunschbilder aus Afrika aufgenommen.

Es hat sich wie pures Glück angefühlt – aber auch wie eine Belohnung dafür, dranzubleiben und geduldig zu sein. Manchmal fügt sich einfach alles, aber ich habe gelernt, nie damit zu rechnen und immer das Beste aus dem zu machen, was man bekommt.

Wie findest du auf Reisen – sowohl in der Natur als auch in der Stadt – diese besonderen, authentischen Momente?

Ich versuche, mit möglichst wenigen Erwartungen zu reisen und mich überraschen zu lassen. Ich habe fast nie ein konkretes Bild im Kopf, das ich unbedingt machen will – dafür kann sich einfach zu viel ändern.

Stattdessen lasse ich mich treiben, gehe ohne festen Plan los und fotografiere das, was sich richtig anfühlt. Für mich ist das der beste Ansatz, weil ich Orte so viel intensiver und authentischer erlebe, anstatt nur vorab geplante „Bucket-List“-Motive abzuarbeiten.

Das macht meine Arbeit organischer. Viele Situationen sind fotografisch vielleicht gar nicht perfekt, bleiben mir aber trotzdem als Erinnerung erhalten.

Am Ende geht es mir genauso sehr ums Reisen wie um die Bilder. Mein Archiv ist nicht nur eine Sammlung von Fotos – sondern vor allem ein Dokument meines Lebens.

Zwei matte Acrylglas-Abzüge nebeneinander: Ein rustikaler Ausblick durch ein Hüttenfenster und eine abendliche Straßenlandschaft in sanftem Licht.

Foto: Alex Kittoe | Fast wie ein Blick durch ein Fenster in eine andere Szene: Ohne Rahmen bleibt der Fokus ganz auf dem Bild selbst. Mattes Acrylglas lässt die Farben sanft wirken und verleiht den Motiven eine ruhige Tiefe, ganz ohne Spiegelungen.

Mehr Informationen zu Foto-Abzügen hinter Acrylglas matt

Welche Rolle spielen Prints in deiner Arbeit – und wie verändert sich deine Wahrnehmung eines Bildes, wenn du es gedruckt siehst?

Prints spielen eine riesige Rolle für mich. Ein Bild gedruckt zu sehen, verändert meine Wahrnehmung jedes Mal komplett.

Ich bin fest davon überzeugt, dass jede Fotografin und jeder Fotograf seine Arbeiten drucken sollte – zumindest einen Teil davon. Als ich zum ersten Mal eines meiner Bilder als Print gesehen habe, wurde mir klar, wie ernst ich das Ganze nehmen möchte.

Ein gedrucktes Bild ist etwas völlig anderes als ein Bild auf dem Bildschirm – auch wenn wir Fotografie heute meist genau so konsumieren. Ein Print zwingt dich, stehen zu bleiben und dich wirklich damit auseinanderzusetzen, anstatt einfach weiterzuscrollen.

Heute ist das Drucken einer meiner größten Antriebe. Ich habe aktuell eine große Einzelausstellung in Seoul mit über 150 Bildern, habe gerade ein Buch mit Setanta Books veröffentlicht und verkaufe Prints an Sammler weltweit. Prints haben meine Sicht auf meine eigene Arbeit komplett verändert – und treiben mich immer weiter an.

Worauf kommt es dir bei der Vorbereitung eines Prints besonders an? Auf Papier, Größe, Farbe – oder etwas ganz anderes?

Die Wahl des Papiers macht einen enormen Unterschied. Nach vielen Tests habe ich mich auf ein paar Optionen festgelegt, von denen ich weiß, dass sie meine Bilder optimal zur Geltung bringen.

Auch Größe und Farbe spielen eine wichtige Rolle. Für mich liegt der ideale Bereich oft bei etwa 40 × 60 Zentimetern – groß genug, um Details zu erkennen, aber nicht so groß, dass es den Raum dominiert.

Genauso wichtig ist aber die Zusammenarbeit mit der Person, die druckt. Irgendwann möchte ich selbst drucken, aber aktuell arbeite ich mit einem Drucker in Kansas City, der meine Vorlieben genau kennt. Dieses Vertrauen und diese Konstanz geben mir die Freiheit, mich auf andere Dinge zu konzentrieren.

Schwarze Aluminium-ArtBox zeigt ein Bild mit einem beleuchteten Fenster und einer Landschaft mit Bäumen bei Dämmerung.

Foto: Alex Kittoe | Das Motiv lebt vom Kontrast zwischen warmem Innenraum und kühler Abendstimmung im Außen. Die ArtBox aus schwarzem Aluminium setzt einen klaren Abschluss und verleiht dem Bild durch ihre Tiefe räumliche Präsenz.

Mehr Informationen zur ArtBox aus Aluminium

Welche drei wichtigsten Lektionen würdest du jungen FotografInnen mit auf den Weg geben?

Die erste ist ganz einfach: Dranbleiben. Niemand schuldet dir etwas – du musst selbst aktiv werden und dich zeigen. Gerade am Anfang gab es viele Rückschläge, aber ich habe trotzdem weiter an Wettbewerben teilgenommen, Galerien angeschrieben und potenzielle Kunden kontaktiert. Je mehr du machst, desto mehr Chancen schaffst du dir.

Die zweite: Sag am Anfang zu möglichst vielem Ja. Ich habe jeden Job angenommen – Assistenz, Events, Konzerte. Nicht alle Erfahrungen waren großartig, aber sie haben mir gezeigt, was ich wirklich machen möchte – und was nicht. Das war extrem wertvoll für meinen Weg.

Und die dritte: Sei ein guter Mensch. Sei freundlich, zuverlässig und lass dein Ego nicht im Weg stehen. Beziehungen sind in dieser Branche unglaublich wichtig – und wie du mit Menschen umgehst, kommt immer zu dir zurück.

Zum Schluss: Erzähl uns doch noch kurz etwas über dich.

Ich heiße Alex Kittoe, bin 28 Jahre alt und arbeite als Fotograf und Collage-Künstler. Ich komme aus Kansas City, Missouri, wo ich heute auch wieder lebe. Studiert habe ich an der University of Denver, wo ich fast zehn Jahre verbracht habe, bevor ich zurück in meine Heimatstadt gezogen bin.

Ich lebe dort mit meiner Frau Caroline und unserem English Mastiff Rowan. Meine Frau arbeitet als Reiseberaterin, deshalb sind wir viel gemeinsam unterwegs – dieses Jahr habe ich mein 40. Land besucht, und es sollen noch viele dazukommen.

In meiner Arbeit beschäftige ich mich mit Licht, Farbe und Atmosphäre – oft mit einem malerischen, fast entrückten Charakter. In den letzten Jahren habe ich meine Arbeiten national und international ausgestellt und arbeite aktuell an mehreren neuen Projekten, darunter eine Zusammenarbeit mit einem spannenden digitalen Künstler.

Neben der Fotografie liebe ich Sport, Fitness und Snowboarden – das hält mich in Bewegung und gibt mir neue Energie für meine kreative Arbeit.

Alex Kittoe

Alex Kittoe ist Fotograf und Collage-Künstler aus Kansas City, Missouri. Seine Arbeiten beschäftigen sich mit Licht, Farbe und Atmosphäre und bewegen sich zwischen dokumentarischem Blick und künstlerischer Interpretation.

Er hat seine Werke national und international ausgestellt, veröffentlicht Bildbände und arbeitet kontinuierlich an neuen Projekten. Reisen ist ein zentraler Bestandteil seiner Arbeit und zugleich eine der wichtigsten Inspirationsquellen.

Im Interview spricht er darüber, wie wichtig es ist, den eigenen Stil nicht zu erzwingen, sondern entstehen zu lassen, warum man gerade am Anfang möglichst viele Erfahrungen sammeln sollte – und weshalb Haltung, Neugier und Ausdauer oft entscheidender sind als Technik.

Alex's Instagram Profil
Porträt von Alex Kittoe

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