Streetfotografie: Ansatz und Ethik
Von WhiteWall-Experte Jan-Ole Schmidt
Die Streetfotografie ist eines der faszinierendsten wie herausforderndsten Genres der Fotografie. Sie fängt das pulsierende Leben, die Kultur und die unzähligen Geschichten ein, die sich auf den Straßen unserer Städte abspielen. Doch wie gelingen authentische und ausdrucksstarke Bilder, die den Betrachter in ihren Bann ziehen? In diesem umfassenden Leitfaden erfahren Sie alles über die Techniken, die Ausrüstung und die kreative Herangehensweise, die Ihnen helfen, in der Straßenfotografie erfolgreich zu sein. Dazu kommt, dass kein anderes Genre so sehr ein Grenzgang von Persönlichkeitsrechten und Privatsphäre ist. Das macht auch den rechtlichen Aspekt in der Streetfotografie zu einem wichtigen Thema.
Was ist Streetfotografie?
Beginnen wir mit einer kurzen Definition oder eher einer Antwort auf die Frage, was Streetfotografe (auch Straßenfotografie genannt) eigentlich ist.
Bei der Streetfotografie wird das echte, das reale Leben auf der Straße eingefangen. Hier gibt es (in der Regel) kein künstliches gesetztes Licht wie im Studio, keine Inszenierungen und keine Posen. Es geht um spontane Momente, um Stimmung und um einzigartige Augenblicke. Dabei gibt es Überschneidungen zu Genres wie der Porträtfotografie - nicht nur, weil Menschen oft ein wichtiger Teil des Motivs sind, sondern weil urbane Porträts den Look der Streetfotografie aufgreifen. Auch das Genre der Architekturfotografie hat gewisse Schnittpunkte, die aufgrund der ähnlichen Location aufkommen. Und ebenso das Genre der Reisefotografie, besonders beim Fotografieren in urbanen Umgebungen wie auf Bazaren, kann zugleich auch Streetfotografie sein.
Die Streetfotografie hat nicht nur einen künstlerischen Wert, sondern dokumentiert auch den Zeitgeist. Sie erzählt Geschichten von Orten, Menschen und Situationen und gibt damit Einblicke in das Leben und die Gesellschaft in verschiedenen Teilen der Welt.
Die Geschichte der Streetfotografie
Die Ursprünge der Streetfotografie lassen sich bis ins 19. Jahrhundert zurückverfolgen, als die Fotografie gerade erfunden wurde und sich die Städte rasant entwickelten. Als Kameras tragbarer wurden, begannen Fotografen, das Leben auf den Straßen zu dokumentieren.
Doch das Genre ist unlösbar mit einem Namen verbunden: Henri Cartier-Bresson. In den 1930er Jahren machte der französische Fotograf das Genre mit seinem Konzept des „entscheidenden Augenblicks“ populär. Er glaubte, dass es in jeder Situation einen flüchtigen Moment gibt, der die Essenz der Szene einfängt. Der Mitbegründer der Fotoagentur Magnum definierte mit seiner Arbeit die weichen Grenzen zwischen Dokumentation und Beobachtung. Seine Bilder sind stets humanistisch, nie voyeuristisch. Alles dreht sich um den Moment, der das Bild und seine Aussage festhält.
Weitere bedeutende Streetfotografen wie Garry Winogrand, Robert Frank und Diane Arbus prägten das Genre im 20. Jahrhundert und erweiterten die Grenzen der Streetfotografie durch ihre unkonventionellen Ansätze und Themen. All diese sind auch eine wunderbare Inspirationsquelle für beginnende Streetfotografen.
Streetfotografie: Ausrüstung und Technik
Hier zeigt sich die Ambivalenz des Genres am besten. Sie brauchen keinerlei Zubehör, keine spezielle Ausrüstung und nichts, dass Sie über weite Strecken auf dem Rücken tragen müssen. Sie können aus einem Zug an einem Bahnhof aussteigen und eigentlich direkt vor dem ersten Motiv stehen. Herausfordernd ist hierbei allerdings, wie bei kaum einer anderen Art der Fotografie, das präzise Timing und die Fähigkeit, das Motiv zu erfassen - Sie haben kaum eine zweite Chance.
Kamera
Eine kleine, leichte und unauffällige Kamera ist die beste Option. So können Sie möglichst unbemerkt umherlaufen und Ihre Motive suchen.
Mit den meisten modernen spiegellosen Kameras haben Sie starke Sensoren, eine überzeugende Bildqualität und gute Stabilisatoren in robusten Gehäusen. Dabei spielt es eigentlich keine Rolle, ob Sie mit einer Kamera im Vollformat oder mit APS-C-Sensor fotografieren.
Objektiv
Die meisten bevorzugen Festbrennweiten. Vor allem wegen ihrer Abbildungsschärfe. Beliebte Brennweiten sind 35 mm und 50 mm wegen ihrer natürlichen Perspektive. Ein weiterer Grund ist die Tatsache, dass Sie sich damit zwingen, sich zu bewegen und sich mit der Umgebung und der Komposition zu beschäftigen.
Zudem sollten die Objektive passend zur Kamera eher in die Kategorie “unaufällig” fallen. So haben viele Hersteller auch sogenannte Pancake-Optiken im Sortiment, die sich, daher der Name, durch eine besonders flache Konstruktion auszeichnen.
Kompaktkameras
Es gibt auch Vertreter auf der Liste der Kompaktkameras, die zur Streetfotografie sehr geeignet sind. Diese haben oft eine Festbrennweite ohne Zoomfunktion um 28 mm und sind durch Größe und Gewicht ideale Begleiter.
Minimalismus in der Technik und maximaler Fokus auf die Beobachtung und die Komposition sind die Grundzüge der Streetfotografie. Sie kommen ohne Lichtkonzept, ohne Blitz und ohne Stativ aus. Alles, was den Betrachter hinterher länger als eine Sekunde auf das Bild blicken lässt, ist die Geschichte, die Sie in dem Moment gefunden haben.
Smartphone
Natürlich lassen sich auch mit dem Smartphone heutzutage gute Streetbilder einfangen. Wollen Sie diese aber später drucken, könnten Sie anhand der geringeren Bildgröße und Detailtiefe des kleineren Smartphone-Sensors schneller an Ihre Grenzen kommen. Ein großer Foto-Abzug hinter Acrylglas (matt) könnte eher schwierig werden.
Bildaufbau und Komposition
Doch wie finden Sie diesen einen Moment, von dem wir gesprochen haben? Und wie fangen Sie ihn dann ein? Die entscheidende Komponente ist, den Moment zu planen. Der Aufbau Ihres Bildes ist der Schlüssel. Die allgemeinen Regeln zur Bildkomposition helfen Ihnen, den Grundstock einfach zu gestalten.

Der goldene Schnitt und die Drittel-Regel
Diese klassischen Kompositionsregeln helfen Ihnen, das Hauptmotiv harmonisch im Bild zu platzieren. Versuchen Sie, die wichtigsten Elemente Ihres Bildes entlang der Linien des Drittelrasters oder an den Schnittpunkten dieser Linien zu positionieren.
Führende Linien
Straßen, Gehwege, Gebäude oder Schatten können als Führungslinien verwendet werden, um den Blick des Betrachters in das Bild zu lenken. Sie können eine starke visuelle Dynamik erzeugen und die Aufmerksamkeit auf das Hauptmotiv lenken.
Rahmen im Rahmen
Finden Sie einen spannenden Ort, eine Passage mit großen Fenstern, Brücken oder natürliche Rahmen wie Fenster, die den Blick lenken. Nun müssen Sie nur noch auf Ihr Motiv warten.
Weitere Informationen darüber, wie Sie Ihre Bilder mit bewusster Konzeption noch wirkungsstärker machen, erfahren Sie auch im Kapitel 5. Komposition und Gestaltung.
Das Licht und seine Bedeutung
Licht ist ein Schlüsselelement in der Fotografie, und die Straßenfotografie bildet da keine Ausnahme. Verschiedene Arten von Licht können die Stimmung und Atmosphäre eines Bildes dramatisch verändern.
Natürliches Licht
Das natürliche Licht der Sonne kann Ihre Fotos auf verschiedene Weise beeinflussen. Das goldene Licht kurz nach Sonnenauf- oder vor Sonnenuntergang, auch bekannt als die „goldene Stunde“, erzeugt weiche, warme Farbtöne, während das harte Licht zur Mittagszeit scharfe Schatten und starke Kontraste erzeugt.
Während bei vielen Genres vor allem diese goldene Stunde die Fotozeit schlechthin ist, können Streetfotografen zu jeder Zeit losziehen. So ist das harsche, kontrastreiche Licht zur Mittagszeit beispielsweise praktisch, um Schatten abzuschneiden, um Umrisse von Personen zu erzeugen. Das ist nicht nur ein spannender Effekt, sondern hilft zugleich diese unkenntlich zu machen. Später mehr dazu im Abschnitt zu Recht und Datenschutz.

Künstliches Licht
Straßenlaternen, Schaufensterbeleuchtung oder Neonlichter können bei Nacht spannende Effekte erzeugen und Ihre Bilder noch interessanter machen. Das Fotografieren bei Nacht stellt jedoch besondere Herausforderungen, insbesondere in Bezug auf Belichtung und Bewegungsunschärfe.

Farbgestaltung und Stilmittel
Die Wahl zwischen Schwarzweiß und Farbe ist oft eine Frage des persönlichen Stils und der Botschaft, die Sie mit Ihrem Bild vermitteln möchten. Beide Herangehensweisen haben ihre eigenen Vorteile und Herausforderungen. Die Mehrheit der Bilder sind aus Gewohnheit Schwarzweiß, da die Analogfilme einen starken Kontrast geboten haben, der bei Streetaufnahmen gut wirkt. Dieser Charme ist bis heute hängengeblieben.
Schwarzweiß
Schwarzweißfotografie kann die Aufmerksamkeit auf Formen, Kontraste und Texturen lenken, ohne von Farben abgelenkt zu werden. Sie verstärkt oft die emotionale Wirkung eines Bildes und eignet sich besonders für Szenen mit starken Licht- und Schattenkontrasten.
Auch im Druck gibt es eine Vielzahl an Möglichkeiten für Schwarzweiß-Aufnahmen - und die Möglichkeiten sind so groß, dass wir bei WhiteWall dem Thema eine eigene Schwarzweiß-Seite gewidmet haben. So können Sie Ihre kunstvolle Streetaufnahme beispielsweise in groß auf einem Ilford S/W-Abzug auf Alu-Dibond zeigen.

Farbe
Die Farbfotografie bietet die Möglichkeit, die Lebendigkeit und Vielfalt des städtischen Lebens einzufangen. Farben können helfen, Stimmungen zu erzeugen oder bestimmte Bildelemente hervorzuheben.

Emotionen und Geschichten
Bei der Streetfotografie geht es nicht nur um Technik, sondern auch um die Kunst, Emotionen und Geschichten zu erzählen. Ein gutes Straßenfoto fängt nicht nur eine Szene ein, sondern vermittelt auch ein Gefühl oder eine Botschaft.
Achten Sie auf den Gesichtsausdruck und die Körpersprache der Personen. Ein Lächeln, eine Träne, ein intensiver Blick - all das kann einem Bild Leben einhauchen und dem Betrachter eine tiefere Verbindung zum Motiv ermöglichen.
Überlegen Sie, welche Geschichte Ihr Bild erzählt. Ist es die Geschichte eines einsamen Mannes auf einer belebten Straße? Oder von einem glücklichen Paar inmitten eines chaotischen Marktplatzes? Wenn Sie nach solchen Momenten suchen, können Sie Bilder schaffen, die weit über das Visuelle hinausgehen und den Betrachter emotional berühren.
Streetfotografie lebt vom Einfangen des „entscheidenden Moments“, ein Begriff, der von Henri Cartier-Bresson geprägt wurde. Es geht darum, genau den Moment festzuhalten, in dem alle Elemente eines Bildes zusammenkommen, um eine Geschichte zu erzählen.
Herausforderungen und ethische Überlegungen in der Streetfotografie
Die Streetfotografie wirft oft Fragen der Privatsphäre und Ethik auf, insbesondere wenn Personen ohne ihr Wissen oder ihre Zustimmung fotografiert werden. Während es in vielen Ländern legal ist, Personen in der Öffentlichkeit zu fotografieren, bedeutet dies nicht automatisch, dass dies auch ethisch vertretbar ist. Denken Sie daran, es handelt sich nicht um Reportagefotografie, die ein Ereignis oder Personen von weiterem Interesse betrifft.
Wichtig hier, ist eine respektvolle Herangehensweise. Bevor Sie ein Bild aufnehmen, fragen Sie sich, ob Sie selbst sich wohlfühlen würden, in dieser Situation fotografiert zu werden. Vermeiden Sie es, Menschen in peinlichen oder kompromittierenden Situationen abzulichten. Wenn Sie ein besonders ausdrucksstarkes Porträt aufgenommen haben, überlegen Sie, ob Sie die Person um ihre Zustimmung bitten sollten, bevor Sie das Bild veröffentlichen.
Rechte und Datenschutz
Die rechtlichen Rahmenbedingungen für Streetfotografie können je nach Land und Region sehr unterschiedlich sein. Während es in einigen Ländern völlig legal ist, Menschen im öffentlichen Raum zu fotografieren, gibt es in anderen Ländern strenge Vorschriften zum Schutz der Privatsphäre und der Persönlichkeitsrechte.
In Deutschland ist die Veröffentlichung von Aufnahmen von Personen durch das allgemeine Persönlichkeitsrecht des Abgebildeten aus Art. 2 Abs. 1 iVm. Art. 1 Abs. 1 GG. und die Veröffentlichung öffentlicher Szenen durch das Recht am eigenen Bild eingeschränkt. Nach § 22 KunstUrhG dürfen Bildnisse nur mit Einwilligung des Abgebildeten verbreitet oder öffentlich zur Schau gestellt werden. § 23 Abs. 1 Nr. 4 KunstUrhG macht davon jedoch eine Ausnahme, wenn die Verbreitung oder Schaustellung einem höheren Interesse der Kunst dient. Das gilt jedoch nach § 23 Abs. 2 KunstUrhG nur für eine Verbreitung und Schaustellung, durch die ein berechtigtes Interesse des Abgebildeten nicht verletzt wird.
Wenn Sie Bedenken haben, dass die Veröffentlichung eines Fotos die Privatsphäre einer Person verletzen könnte, gibt es Möglichkeiten, die Anonymität zu wahren. Eine gängige Methode ist das Verpixeln von Gesichtern oder die Vermeidung von eindeutigen Identifikationsmerkmalen. So beispielsweise, indem Sie die Menschen nur von hinten oder als Umrisse in ihre Bildkomposition aufnehmen.
Die beste Lösung, wenn eine Person klar zu erkennen ist, besteht darin, die Person direkt anzusprechen. Zeigen Sie ihr das Bild, tauschen Sie Social-Media-Accounts aus oder geben Sie eine Visitenkarte mit dem Profil her. Die Entscheidung, ob und wann Sie mit den Menschen, die Sie fotografieren, interagieren, hängt von Ihrer persönlichen Ethik und dem gewünschten Ergebnis ab. In manchen Fällen kann eine freundliche Interaktion das Vertrauen der Menschen gewinnen und zu tieferen und ausdrucksstärkeren Bildern führen.
Fazit: Einfach einzusteigen, schwer zu meistern
Es gibt keine einfachere Methode, in die Fotografie zu gelangen: eine Kamera, eine Festbrennweite und das wahre Leben. Es fängt klein an, an Geburtstagen oder Grillfesten, wo Leute sind, die Sie kennen. Beim Städtetrip aus Zufall, wenn jemand durch Ihr Bild läuft. Und irgendwann ist die Botschaft, die Cartier-Bresson einst mitteilte, bei Ihnen: einzigartige Momente einfangen. Die Herausforderung ist nicht die Technik, sondern das Auge, das Gefühl und die richtige, respektvolle Art. Sie haben ein mächtiges Werkzeug in Ihren Händen und gestalten ein Stück Zeitgeschichte, wenn auch nur die einer einzelnen, unbekannten Person für die Ewigkeit. Das bringt Verantwortung mit sich, die Sie niemals einem Flusslauf, einer sternenklaren Nacht oder einem Sportwagen entgegenbringen müssen. Achten Sie auf das wichtigste, auf den Gedanken des Humanismus, auf die Magie des Moments und teilen Sie ihn mit Respekt.
Erfahren Sie mehr über den Autor
Jan-Ole Schmidt (lieber einfach Ole genannt) stammt aus Norddeutschland und ist seit vielen Jahren bei WhiteWall tätig. Als Teamleiter im Produktmanagement bringt er langjährige Erfahrung in der Foto-Branche mit. Die Fotografie hat er sich autodidaktisch erschlossen und dabei fundiertes Know-how zu Bildproduktion, Papieren, Kaschierungen und Rahmungen aufgebaut.
Seine Stärke liegt in der Verbindung von technischer Expertise und Kundenperspektive – vom Dateiupload bis zur Rahmung im WhiteWall-Konfigurator. Ole hat Workshops gehalten, war in Podcasts zu Gast und steht im engen Austausch mit der Fotocommunity. Er lebt, arbeitet und fotografiert in Köln.

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