Die Kunst der Aktfotografie: Ein Gespräch mit Jan Scholz

Von Andrea Bruchwitz / Benjamin Arntz

Der deutsche Fotograf Jan Scholz erschafft kunstvolle Aktbilder, die den Betrachter durch ihre empathische und höchst ästhetische Bildsprache fesseln. Im Interview spricht er über seinen inneren Antrieb und seine Ideale – dazu gibt er wertvolle Tipps rund um das Thema Aktfotografie.

Was fasziniert dich am Genre der Aktfotografie?

Mich fasziniert das Vorhandensein von klaren Linien und Formen, denn dadurch entstehen harmonische Bildkompositionen. Der weitaus wichtigere Aspekt ist jedoch ein anderer: Ich liebe das Fragile, das Verletzliche und die Abwesenheit des „Schutzmantels“ in der Aktfotografie. So wird der Eindruck von Intimität und Emotion noch stärker betont. Ich sehe mich nicht so sehr als Aktfotografen, sondern vielmehr als Porträtfotografen. Die Abwesenheit von Kleidung erlaubt mir einen unverstellten Blick auf die Fragilität und die Emotionen.

Du hältst dich an den Stil der klassischen Schule. Wieso bevorzugst du diese Ästhetik für deine Aktfotos?

Ich habe mir nie Gedanken über verschiedene Ansätze gemacht. Als Autodidakt habe ich mich in der Fotografie von Anfang an immer nur davon leiten lassen, was mich selbst berührt hat. Mein Stil hat sich daraus entwickelt, was ich als schön, harmonisch und interessant erachtet habe. Wenn ich fotografiere, bin ich auf der Suche nach Harmonie: Ob Aktfotografie, Portrait oder Landschaft, ob mit oder ohne Kleidung, ich bin mit meiner Kamera immer auf der Suche nach Simplizität und ausgewogener künstlerischer Bildgestaltung.

© Jan Scholz | www.janscholz.com

Was ist die besondere Herausforderung in der Aktfotografie?

Es ist nicht einfach, eine unbekleidete Person vorteilhaft abzubilden und dabei eine vertraute, entspannte Stimmung zu erzeugen. Wenn man als Fotograf auch noch unsicher ist und mit den Einstellungen seiner Kamera kämpft, sind das ein paar Herausforderungen zu viel. Das Genre der Aktfotografie muss man lernen: Ich habe mit Landschaften und Porträts angefangen, bevor ich mich an Teilakt oder Akt herangewagt habe. So hatte ich genügend Zeit, um die Kameraeinstellungen, das Licht, die Bildgestaltung und den Umgang mit dem Aktmodell vollkommen zu verinnerlichen.

Was möchtest du mit deinen Werken im Betrachter auslösen?

Ich habe nie wirklich über die Instanz des Betrachters in der Fotografie nachgedacht. Was mich an der Aktfotografie und meinen Bildern fasziniert, ist die Möglichkeit, dass ich eine eigene Fantasiewelt erschaffen kann, in der sich die Aktfotos „abspielen“. Ich fotografiere aus einem inneren Antrieb heraus.

© Jan Scholz | www.janscholz.com

Warum sind deine Aktfotografien überwiegend in Schwarz-Weiß-Tönen gehalten?

Schwarz-Weiß-Aufnahmen haben mich schon fasziniert, seit ich denken kann. Es ist diese Abstraktion und das Abstreifen der „realen“ Farbe – so wird der Blick auf das Wesentliche freigegeben.

Wie vermittelst du dem Modell ein Gefühl von Vertrautheit?

Ich habe eine eher stille, zurückhaltende Art – jegliches „übermännliches“ Gehabe ist mir sehr fremd. Ich möchte mich auf das Modell einlassen und das Akt-Shooting so angenehm wie möglich gestalten. Ich pflege einen äußerst freundlichen, aber verbindlichen Ton. Wenn das Model weiß, was der Fotograf will, ist das sehr hilfreich.

© Jan Scholz | www.janscholz.com

Was sind deine Experten-Tipps für die richtige Belichtung in der Aktfotografie?

Ich arbeite gerne mit „available light“, also mit den vorhandenen Lichtquellen in der Aktfotografie. Es hat allerdings eine ganze Weile gedauert, bis ich damit umgehen konnte. Natürliches Licht bietet beim Akt einige Vorteile: Der Fotograf ist flexibel und muss nicht die Blitzanlage neu ausrichten, wenn das Model den Kopf etwas dreht. Sogar strahlendes Sonnenlicht ist eine beeindruckende Lichtquelle, wenn es richtig eingesetzt wird.

© Jan Scholz | www.janscholz.com

Die beste Kameraeinstellung für Aktfotografie

Ich benutze eine alte, manuelle Kamera für meine Aktbilder, daher sind meine Einstellungsmöglichkeiten eher begrenzt. Das macht es allerdings einfacher als in der digitalen Fotografie, weil man sich auf das Fotografieren konzentrieren kann. Ich muss vor dem Shooting nur das Licht messen, die Blende und die Zeit einstellen – und dann richte ich meine Konzentration vollkommen auf das Akt-Model.

Akte fotografieren mit den richtigen Objektiven

Ich nutze ausschließlich Festbrennweiten als Kameraobjektive für Aktbilder, weil die optische Qualität meist besser ist und die höhere Lichtstärke das Fotografieren etwas einfacher macht. Ich habe wie viele Fotografen mit 85 mm und 50 mm angefangen, doch seit geraumer Zeit bin ich eher mit 35 mm und 28 mm unterwegs. Ich möchte in meinen Fotografien mehr von der Umgebung zeigen.

Das Spiel mit Schärfe und Unschärfe in der Aktfotografie

Festbrennweiten haben meist eine große Öffnungsblende und erlauben es, einzelne Objekte durch Unschärfe freizustellen. Wenn man keine Angst vor alten Kameras hat, wird der Effekt durch die Nutzung einer Mittelformat- oder Großformat-Kamera noch verstärkt. Wer den kreativen Einsatz von Schärfe und Unschärfe mit einer Großformat-Kamera studieren möchte, sollte sich die Werke der amerikanischen Fotografin Polly Chandler genauer ansehen. Wenn man es in der Fine Art Fotografie auf die Spitze treiben möchte, empfehle ich eine Speed Graphic mit einem Kodak Aero Ektar Objektiv.

© Jan Scholz | www.janscholz.com

Inspiration für hochwertige Aktfotografie

Fotografen wie Eugène Durieu und Bruno Braquehais haben schon in den 1850er Jahren mit Aktfotografie experimentiert. Welche berühmten Fotografen zählen zu deinen Favoriten?

Zu meinen Lieblingsfotografen gehören Dokumentar- und Portraitfotografen wie Stephen Shore, Alec Soth, August Sander und Richard Avedon. Im Genre der Aktfotografie fallen mir als erstes Fotografen wie Paolo Roversi, Peter Lindbergh und Helmut Newton ein. Davon geht Newton wohl am ehesten als Aktfotograf durch.

© Jan Scholz | www.janscholz.com

Wie gelingt ein wirklich künstlerischer Akt, der sich von der Masse abhebt?

Das liegt natürlich im Auge des Betrachters. Für mich muss eine kunstvolle Aktfotografie wahre Emotionen erwecken, also persönlich berühren und mehr als nur die Oberfläche eines menschlichen Körpers abbilden.

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