Eine Einführung in die Infrarotfotografie
Von WhiteWall-Experte Jan-Ole Schmidt
Die Infrarotfotografie eröffnet einen einzigartigen Blick auf die Welt - eine Welt, die für das menschliche Auge unsichtbar ist. Mit dieser Technik tauchen alltägliche Szenen in eine märchenhafte Ästhetik: Blätter werden strahlend weiß, der Himmel dramatisch dunkel und Landschaften erscheinen wie aus einer anderen Realität. Doch wie funktioniert diese magische Technik und wie hat sie sich entwickelt?
1. Geschichte der Infrarotfotografie
Die Entdeckung des Infrarotlichts wird dem britischen Astronomen William Herschel zugeschrieben, der im Jahr 1800 durch Experimente mit einem Prisma und einem Thermometer die Existenz von Licht jenseits des für das menschliche Auge sichtbaren Spektrums nachwies. Die Infrarotfotografie selbst etablierte sich jedoch erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit der Einführung von speziellen Infrarotfilmen, welche von Kodak und anderen Herstellern entwickelt wurden.
Erste Meilensteine der Entwicklung waren in den 1910er-Jahren, als man Infrarotfilme für wissenschaftliche Zwecke testete. Während des 2. Weltkriegs diente die Infrarotfotografie der militärischen Aufklärung, da sie Rauch und Nebel durchdringen kann. Ab den 50er Jahren beginnt der künstlerische Einsatz der Infrarotfotografie, als Landschaftsfotografen den surrealen Effekt für sich entdecken.
2. Technik der Infrarotfotografie: Umbau vs. Filter
In der Infrarotfotografie wird das Licht im Bereich des nahen Infrarots (NIR, Near Infrared) genutzt. Dieser Bereich des elektromagnetischen Spektrums liegt knapp außerhalb des für das menschliche Auge sichtbaren Lichtspektrums. Der Messbereich liegt zwischen 700 nm und 1.000 nm (Nanometer). Hier wird es richtig spannend. Eine normale Digitalkamera ist ab Werk mit einem sogenannten IR-Sperrfilter ausgestattet, um Infrarotlicht zu blockieren. Es ist also nötig, eben diesen Filter zu umgehen, um überhaupt Bilder in diesem Lichtspektrum aufnehmen zu können. Doch hat dieser auch seine Berechtigung in der Kamera.
Er kann also nicht bedenkenlos ausgebaut werden. Er muss durch einen IR-Durchlassfilter ersetzt werden. Fachleute bei den Herstellern oder auch in Fotogeschäften entfernen den Filter vom Sensor und bauen den IR-Durchlassfilter ein. Danach wird der Sensor neu kalibriert, um Autofokus und Belichtungsmessung der neuen Ausstattung anzupassen.
Vorteil: Die Kamera ist wie zuvor nutzbar, es sind keine langen Belichtungszeiten nötig.
Nachteil: Diese Kamera ist dann nur noch für Infrarotaufnahmen geeignet.
Eine andere Methode, die vor allem für Interessierte und Einsteiger der beste Weg ist, erst einmal Erfahrungen zu sammeln und sich an das Themengebiet heranzutasten, sind Filter für das Objektiv. Diese sind wie Pol- oder ND-Filter einfach an der Linse zu befestigen und bieten einen flexiblen Einsatz.
Die gebräuchlichsten Filterarten sind:
720 nm: Lässt überwiegend nahes Infrarotlicht durch und erzeugt klassische IR-Effekte, bei denen Vegetation hell leuchtet (Wood-Effekt) und der Himmel dunkel ist.
850 nm: Blockiert mehr sichtbares Licht und erzeugt stärkere Schwarz-Weiß-Kontraste.
950 nm: Verwendet ausschließlich tiefes Infrarotlicht und ist für experimentelle oder wissenschaftliche Anwendungen geeignet.
Vorteil: Keine unveränderlichen Umbaumaßnahmen an der Kamera und kostengünstiger.
Nachteil: Es sind deutlich längere Belichtungszeiten, teilweise im Minutenbereich nötig und der Fokuspunkt wird verschoben, was Sie manuell ausgleichen müssen.

3. Motive und Techniken in der Infrarotfotografie
Landschaften: Märchenhafte Welten
Die Infrarotfotografie erfreut sich insbesondere bei der Landschaftsfotografie großer Beliebtheit, da sie die Darstellung von Pflanzen in strahlendem Weiß und dem Himmel in tiefem Schwarz ermöglicht.
Die Faszination liegt hier in jedem Bild: Blätter und Gras erscheinen weiß. Chlorophyll ist im infraroten Bereich transparent und das Licht wird im Wasser der Pflanzen reflektiert. Das ist der „Wood-Effekt“, benannt nach seinem Entdecker, dem amerikanischem Physiker Robert Williams Wood.
Am besten fotografieren Sie bei einem ISO-Wert zwischen 100 und 400 und einer Blende zwischen f/8 und f/11 für ausreichend Schärfentiefe.
Mit einem Filter benötigen Sie ein Stativ und müssen mindestens zehn Sekunden, je nach Lichteinfall deutlich länger belichten.
Für die stilvolle Präsentation eignet sich ein Bild hinter glänzendem Acrylglas, da hier Kontraste und Details besonders intensiv zur Geltung kommen.

Wälder: Magie und Tiefe
In Wäldern, die nur an manchen Stellen lichtdurchflutet sind und die mit ihren verschiedenen Grüntönen in unterschiedlicher Tiefe aufwarten, verstärkt sich der leuchtende Weißeffekt. Blätter, Laub und Moos sind strahlend eingetaucht und erzeugen eine märchenhafte, unnatürliche Stimmung.
Auch hier sollten Sie auf genügend Schärfentiefe achten, also die Blende um f/8 wählen. Achten Sie auf die hyperfokale Distanz, um Vordergrund und Hintergrund scharf abzubilden.
Experimentieren Sie bei tiefem Sonnenstand mit Lichtstrahlen, die durch die Bäume fallen. Fine Art Print auf Hahnemühle William Turner Papier: Die matte Oberfläche verstärkt den weichen und mystischen Charakter des Waldes.
Makrofotografie: Details im unsichtbaren Spektrum
Die Makrofotografie profitiert in besonderem Maße von der Verwendung von Infrarotlicht, da diese winzige Texturen und Details zeigen, die für das menschliche Auge im sichtbaren Licht verborgen bleiben. Dies ermöglicht eine völlig neue Darstellung von Blütenblättern, Insekten oder Oberflächenstrukturen.
Verwenden Sie ein echtes Makroobjektiv, mit einem Abbildungsmaßstab von 1:1 und nutzen Sie die Naheinstellgrenze aus.
Für optimale Schärfe wählen Sie eine Blande bis f/16.
Durch einen Diffusor erzeugen Sie gleichmäßiges, weiches Licht für schöne IR-Reflektionen.
Ein geringer ISO-Wert erhält die Details, während eine längere Belichtung, wie 1/30 Sekunde alle aufnimmt.
Spiegelungen in Wasserflächen: Surreale Schönheit
Seen, Flüsse und Pfützen bieten ein breites Spektrum an Möglichkeiten für den kreativen Einsatz von Infrarotlicht. Die Reflexion des Infrarotlichts auf der Wasseroberfläche erzeugt eine besonders eindrucksvolle Wirkung.
Bei einer umgebauten Kamera reicht oft eine kurze Verschlusszeit von 1/125 Sekunde. Um die Wasseroberfläche zu glätten können Sie länger belichten und wie gewohnt einen ND-Filter verwenden. Nutzen Sie eine niedrige Perspektive, die die Reflektion hervorhebt.
Für eine Präsentation, die dem Motiv schmeichelt, eignet sich ein Metalic Fotoabzug. So werden die Reflektionen verstärkt und die Kontraste betont.
Architektur: Zeitlose Eleganz
Gebäude und urbane Szenen wirken in Infrarotaufnahmen dramatischer und oft aus der Zeit gefallen. Der Anblick des so Vertrauten in der absolut ungewohnten Sichtweise liefert spektakuläre Bilder. Fenster und reflektierende Oberflächen können interessante Effekte erzeugen.
Fotografieren Sie mit einer Optik zwischen 28mm und 50mm, dem üblichen Maß für Streetfotografie, oder um die 100mm für spannende Freisteller.
Konzentrieren Sie sich bei der Motivauswahl auf Texturen und Lichtreflektionen.
Minimalistische Architekturaufnahmen kommen in einem Passepartout-Rahmen besonders zur Geltung.

Städte bei Nacht: Spektakuläre Lichtspiele
Die Infrarotfotografie bei Nacht mag auf den ersten Blick ungewöhnlich erscheinen, kann jedoch zu bemerkenswerten Resultaten führen. Straßenlaternen und andere künstliche Lichtquellen emittieren mitunter auch infrarotes Licht, welches auf Fotografien unerwartete Effekte erzeugt.
Die Infrarotfotografie bei Nacht mag auf den ersten Blick ungewöhnlich erscheinen, kann jedoch zu bemerkenswerten Resultaten führen. Straßenlaternen und andere künstliche Lichtquellen emittieren mitunter auch infrarotes Licht, welches auf Fotografien unerwartete Effekte erzeugt.
Wählen Sie einen höheren ISO-Wert, zwischen 800 und 1.600 – gerade bei längeren Belichtungen.
Lösen Sie für bis zu 30 Sekunden aus, um Schärfe und Details im schwachen Licht festzuhalten.
Prüfen Sie am Histogramm, ob reflektierende Objekte, wie Fenster nicht überbelichtet sind.
Ein Stativ sowie Funk- oder Selbstauslöser helfen dabei, Verwacklungen zu vermeiden.
Portraitfotografie: Einzigartige Hauttöne
Die Infrarotfotografie eröffnet auch in der Portraitfotografie die Möglichkeit, herausragende Resultate zu erzielen. Die Haut erscheint weich und nahezu durchsichtig, während die Augen oft einen dunklen Schimmer aufweisen. Dieser Effekt verleiht Portraits eine geheimnisvolle Note.
Fotografieren Sie mit einer offenen Blende, wie f/2,8, um den Fokus ganz auf dem Gesicht zu haben.
Halten Sie die Belichtungszeit unter 1/60 Sekunde, um Bewegungsunschärfe zu vermeiden.
Ein dunkler Hintergrund hilft, den Fokus, auch den des Betrachters auf das Gesicht zu legen.
Natürliches Licht eignet sich am besten für solche Portraits.
Tiere: Kreative Möglichkeiten
Die Infrarotfotografie von Tieren erfordert ein hohes Maß an Geduld, liefert jedoch häufig beeindruckende Ergebnisse. Aufgrund der unterschiedlichen Reflektion von Infrarotlicht durch Fell und Haut können einzigartige Texturen erzeugt werden.
Idealerweise fotografieren Sie mit einer Belichtungszeit von 1/500 Sekunde oder kürzer, um Bewegungsunschärfe zu vermeiden.
Eine Blende zwischen f/4 und f/8 isoliert das Motiv.
Hell gefärbte Tiere reflektieren das Infrarotlicht besser.
4. Tipps für perfekte Infrarotaufnahmen
Weißabgleich
Ein präziser Weißabgleich ist für die Infrarotfotografie von entscheidender Bedeutung. Der manuelle Weißabgleich erfolgt durch Fokussierung auf grünes Gras. Alternativ besteht die Möglichkeit, den Weißabgleich zu einem späteren Zeitpunkt im Rahmen der Nachbearbeitung anzupassen.
Nachbearbeitung
Es wird empfohlen, stets im RAW-Format zu fotografieren, um eine umfassende Kontrolle über die Farbkorrektur zu gewährleisten.
Durch den Austausch der Farbkanäle lassen sich weitere gestalterische Möglichkeiten erschließen. Durch den Austausch der Rot- und Blaukanäle kann ein typischer Infrarot-Look erzeugt werden, welcher beispielsweise für die Abbildung von blauem Himmel und weißer Vegetation verwendet werden kann.
Fazit: Malen mit Licht, das niemand sieht
Die Infrarotfotografie eröffnet ein breites Spektrum an kreativen Möglichkeiten für Fotografen, die das Potenzial haben, das Unsichtbare sichtbar zu machen. Unabhängig davon, ob Sie Landschaften, Architektur, Tiere, Portraits oder Makroaufnahmen fotografieren – jedes Motiv erfährt durch IR-Licht eine magische Nuance. Unter Berücksichtigung der erprobten Techniken sowie der entsprechenden Ausrüstung, sei es ein Setup zur Modifikation der Kamera oder ein einfacher IR-Filter, lassen sich nahezu unbegrenzte Möglichkeiten schaffen. Dank WhiteWall können Sie Ihre Infrarotbilder in Galeriequalität präsentieren. Ob hinter Acrylglas, auf Alu-Dibond oder als Fine Art Print – die Qualität und Präzision von WhiteWall machen Ihre Arbeiten zu wahren Kunstwerken.
Erfahren Sie mehr über den Autor
Jan-Ole Schmidt (lieber einfach Ole genannt) stammt aus Norddeutschland und ist seit vielen Jahren bei WhiteWall tätig. Als Teamleiter im Produktmanagement bringt er langjährige Erfahrung in der Foto-Branche mit. Die Fotografie hat er sich autodidaktisch erschlossen und dabei fundiertes Know-how zu Bildproduktion, Papieren, Kaschierungen und Rahmungen aufgebaut.
Seine Stärke liegt in der Verbindung von technischer Expertise und Kundenperspektive – vom Dateiupload bis zur Rahmung im WhiteWall-Konfigurator. Ole hat Workshops gehalten, war in Podcasts zu Gast und steht im engen Austausch mit der Fotocommunity. Er lebt, arbeitet und fotografiert in Köln.

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